Mo.. Aug. 24th, 2026

Der Geigenkamm ist ein Gebirgszug, der zwischen dem Ötztal und dem Pitztal liegt und sich von Nord nach Süd über circa 30 km erstreckt und dabei circa 30 Gipfel die dreitausender Grenze überschreiten. Der höchste Gipfel ist die Hohe Geige mit 3393 m. Im August 2025 und im August 2026 habe ich diesen Gebirgszug überschritten, mit fünf Hütten auf dem Weg. Jede Tagesetappe hatte ihre Highlights und Herausforderungen, aber tendenziell wird es zum Süden hin immer anspruchsvoller. Gerade mit der letzten Etappe, dem Mainzer Höhenweg, hatte ich meine bisher anspruchsvollste Bergtour. Diese gut geschafft zu haben, erfüllt mich mit Freude, Dankbarkeit und Stolz. Da die alpinen Anforderungen recht hoch sind, ist man auch nicht mehr mit vielen Leuten unterwegs, sondern taucht ein in viel Einsamkeit. Das gefällt mir besonders gut.

So sahen die einzelnen Etappen aus:

1. Etappe: Hochzeigerbahn bis Erlanger Hütte, 5,8 km, 700 m auf, 620 m ab, 3:00 h

Einen komfortablen Einstieg bot die Hochzeigerbahn, die einen Wanderstart auf einer Höhe von ca. 2500 m ermöglichte. Mitte August war ich mit einer Freundin unterwegs, und wir ließen schnell die Menschenmassen hinter uns und tauchten ein in die Einsamkeit des Geigenkamms. Das Gipfelziel des Tages war der Wildgrat. Und das Übernachtungsziel die Erlanger Hütte. Der Weg war gut markiert und den Aufstieg zum Wildgrat meisterten wir ohne Schwierigkeiten. Aber schon die erste Etappe machte uns die „Hausnummer“ bewusst, mit der wir in den kommenden Tagen unterwegs sein würden: Sehr grobes Gestein, scharfkantige Felsen, seilversicherte Passagen. Wir waren schon kraxelnd unterwegs, und das machte Spaß.

2. Etappe: Von der Erlanger Hütte zur Frischmannhütte über Fundusfeiler, 10,5 km, 910 m ⬆️, 1260 m ⬇️, 6:00 h

Von der Erlanger Hütte sind mir die alten Holzvertäfelungen in Erinnerung und das leckere Steinbockragout am Abend. Überhaupt war die Hütte ganz gemütlich und die Hüttenwirtsfamilie super nett. Wir hatten ein hübsches Doppelzimmer, das war natürlich auch klasse. Die Erlanger Hütte steht unter Denkmalschutz und sie liegt sehr idyllisch am Wettersee. Dort steht eine Frauenstatue mit einer Inschrift: „Auf steilem Grat fällt Zweifel mich an, ob ich den Weg allein finden kann.“ Bei schlechten Wetterverhältnissen sind diese Zweifel sicher berechtigt, doch noch hatten wir Sonnenschein und genossen diese herrliche Bergwelt in vollen Zügen! Bei so viel Idylle, war es gar nicht so leicht los zu wandern, man hätte noch gut einige Zeit am See verweilen können, aber der Wanderweg war weit und so legten wir los. Am Anfang ging es über Schafweiden auf ausgedehnten Hochkaren, immer Richtung Fundusfeiler, dann wurde der Weg langsam anspruchsvoller und im letzten Abschnitt vor der Feilerscharte ging es in Blockfels steil bergauf. Der Aufstieg zum Fundusfeiler war als T5 bezeichnet, aber wir bewältigten ihn ohne Probleme. Vom Fundusfeiler hatten wir einen herrlichen Rundumblick in die Ötztaler und Pitztaler Alpen – einfach nur traumhaft schön! Im weiteren Verlauf zur Frischmannhütte erwarteten uns noch einige seilversicherte Abschnitte, alle gut machbar. Auf der Fischmannhütte genossen wir die letzten Sonnenstrahlen, bevor das Wetter umschlug und eine Regenfront anrückte!

3. Etappe: Von der Frischmannhütte zur Hauerseehütte, 9,6 km, 900 m ⬆️, 700 m ⬇️, 4:30 h

Nächster Morgen: Alles Grau in Grau, null Sicht, Nieselregen. Regenhose und Regenjacke an, alles wasserdicht verpackt… so ging es los Richtung Hauerseehütte, der Weg ein T3er … es sollte also alles gut machbar sein. Wie liefen dann den ganzen Tag durch diese Nebelregensuppe, es wurde eher schlechter als besser. Irgendwann war alles klamm, feucht und kalt. Wir orientierten uns von Wegzeichen  zu Wegzeichen. Abwechslung und Aufregung boten ein paar Schafe und Rinder: Einige Schafe (ca 30 Tiere) trotteten längere Zeit hinter uns her und trauten sich nicht zu überholen. Als sie dann endlich zum überholen ansetzten, hatten wir den Nachteil, dass danach der Weg ziemlich „beschissen“ war. Da hätten wir sie mal lieber hinter uns lassen sollen. Das mit den Rindern war dann schon weniger spaßig. Sie standen vor uns im Weg rum und gingen einfach nicht zur Seite und der Weg war zu eng, um vorbeizugehen. Also ermutigte ich sie, dass sie mal „bitte“ vor uns herlaufen und das machten sie dann auch. Dann kam eine große Felsplatte und ein Rind rutschte aus und „wumms“ lag es auf der Seite. Ich bekam einen riesengroßen Schreck, und ich  überlegte sofort: „Welche erste Hilfe Maßnahmen muss ich bei einem Rindvieh einsetzen?!“ Und: „Wie beatmet man eine Kuh?“ Doch nichts von Beidem war nötig. Die junge Kuh stand wieder auf und machte sich mit „weichen Knien“ vom Acker. Vermutlich hatte ich die weichen Knie! 

Irgendwann standen wir dann vor der Hauerseehütte, vermutlich hätten wir sie beinahe überlaufen, denn wir sahen wirklich nichts in all dem dichten Nebel. Heißer Tee, warmer Ofen, warmes Bett, die bewartete Selbstversorgerhütte ließ uns wieder warm werden. Und über dem Herd trockneten auch die klatschnassen Socken bis zum nächsten Morgen! Da weiterer Regen angesagt war und die Schneefallgrenze auf 2800 m gesunken war, konnten wir unseren Weg nicht fortsetzen, sondern stiegen am nächsten Morgen ins Ötztal ab … im Dauerregen!

4. Etappe: Von der Hauerseehütte zur Rüsselsheimer Hütte, 11,7 km, 1150 m ⬆️, 1200 m ⬇️, 7:30 h

Im August 2026 ging es dann weiter. Den Aufstieg zur Hauerseehütte nahmen wir von Längenfeld im Ötztal. Wir kamen in einen Gewitterregen und warteten diesen in einem Lärchenwäldchen ab … Nass an der Hauerseehütte anzukommen, das kannten wir ja schon! Doch später kam die Sonne wieder raus und alles war halb so wild. Unsere Etappe zur Rüsselsheimer Hütte starteten wir dann bei herrlichem Sonnenschein! Mit uns war eine Gruppe Mittdreißiger auf der Hauerseehütte. Sie wollten auf dem Weg zur Rüsselsheimer Hütte noch einen Gipfel mitnehmen: Den Luibiskogel. Wir waren ca 30 Minuten später unterwegs und als wir unterhalb des Einstiegs zum Luibiskogel querten, zogen wir unsere Helme auf, denn die Gruppe lief genau über uns und das Gelände sah sehr Steinschlag gefährdet aus. Wir hatten morgens auch in Erwägung gezogen diesen Gipfel zu machen, aber das bröselige Gestein und die Gruppe im Vormarsch sprachen uns gar nicht an und so gingen wir weiter. Der Tag war ja noch lange genug.

Der Weg forderte gut heraus. Jeder Schritt musste bewusst gesetzt werden. Der Abstieg von der Luibisscharte war dann steil, blockig und Drahtseil versichert. Es ging langsam voran. Weiter ging es über schier endlosen Blockfels. Im weiteren Verlauf war der Weg dann etwas leichter zu gehen, aber es gab noch mehrere Scharten zu überwinden und so waren es immer wieder Aufstiege und Abstiege. Am Aussichtspunkt Gahwinden hatten wir einen herrlichen Blick ins Pitztal und auf die Hohe Geige. Die wollten wir am Folgetag besteigen, aber als wir uns den „Bröselberg“ so anschauten, waren wir uns da nicht mehr so sicher! Von Gahwinden aus war es dann nicht mehr weit zur Rüsselsheimer Hütte.

Am Abend kamen wir ins Gespräch mit einem sehr erfahrenen Bergsteiger, der an diesem Tag die Hohe Geige bestiegen hatte und er sagte, dass sie wirklich sehr schwer sei. Und wir erfuhren auch, dass in der Woche vorher ein Bergsteiger tödlich verunglückt ist und die Leiche noch nicht geborgen wurde. Alles für uns Gründe, die Hohe Geige links liegen zu lassen und uns auf den Mainzer Höhenweg zu konzentrieren. Ich war an dem Abend auch sehr unsicher, ob ich überhaupt dieses Riesenprojekt wagen sollte und mir war gar nicht wohl zu mute. Aber mit stabilen Wetteraussichten und mit einer guten Nacht und einem leckeren Frühstück (um 5.30 Uhr 😅) gingen wir dann am nächsten Tag die Mammut Bergtour an.

5. Etappe: Mainzer Höhenweg, von der Rüsselsheimer Hütte zur Braunschweiger Hütte, 10,4 km, 1350 m ⬆️, 900 m ⬇️, 10:00 h

Ich möchte diesen Höhenweg gar nicht im Detail beschreiben, denn wer ihn gehen möchte, muss sich auf alle Fälle gründlich vorher informieren und über einen Wanderführer auch die detaillierte Wegbeschreibung verinnerlichen. Hier ein Auszug aus dem Rother Wanderführer, „Hüttentrekking in den Ötztaler Alpen“ von Marc Zahel. Er teilt den Weg auf in zwei Abschnitte, zum einen bis zum Rheinland-Pfalz Biwak und dann bis zur Braunschweiger Hütte. Und er schreibt so:

Der berüchtigte Mainzer Höhenweg, Teil 1 Der Mainzer Höhenweg ist eindeutig die diffizilste Etappe der Geigenkamm Tour wie überhaupt in diesem Führer. Dabei muss man sogar von einer Doppeletappe sprechen, denn bis zur Braunschweiger Hütte sind insgesamt neun bis zehn Marschstunden in fast durchwegs strengem, anspruchsvollem Gelände zu kalkulieren, so dass dem Rheinland-Pfalz-Biwak zwischendrin eine große strategische Bedeutung zukommt. Die Anforderungen sind mit handelsüblichen Höhenwegen kaum zu vergleichen, weshalb der Name vielleicht etwas verharmlosend klingt. Bereits bis zum Weißmaurachjoch wird es im Bröselgelände anstrengend, dabei ist dies erst der Zustieg. Im weiteren Verlauf müssen wir unsere ganze Routine ausspielen, um uns auch von der einen oder anderen alpinen Schikane nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Häufig ist der Untergrund unsolide, vor allem wenn noch Eisreste unter dem Blockschutt lauern. Auch einige echte Schlüsselstellen fehlen nicht. Abgeschreckt? Das muss nicht sein. Der Mainzer Höhenweg verspricht eine Traumtour, falls man ihr gewachsen ist und das Wetter mitspielt, einen Übergang mit Hochtourencharakter und ebensolchen Eindrücken! Und mit Übernachtung im Rheinland-Pfalz-Biwak kommt womöglich sogar eine Prise Romantik ins Spiel …

Wir bewältigten die ganze Tour (ohne Übernachtung im Rheinland-Pfalz-Biwak) und ich würde sie jederzeit wieder angehen! Aber sie steckte uns danach noch ein paar Tage in den Knochen!

6. Etappe: Von der Braunschweiger Hütte bis Sölden, 12,5 km, 280 m ⬆️, 1680 m ⬇️, 4:00 h

Am nächsten Tag stiegen wir dann über das Pitztaljöchl nach Sölden ab (Ötztal) und fuhren mit dem Bus zurück nach Längenfeld. Der Weg war bis zum Pitztaljöchl sehr schön und wir konnten sogar eine Gruppe Steinböcke aus nächster Nähe fotografieren!

Nach dem Pitztaljöchl gibt es einen steilen Felsabstieg mit Seilversicherungen und Eisentritten als Unterstützung. Doch leider ist dieser Weg auch E5 und so ist man mit vielen Gruppen unterwegs. Wir waren das nach der Ruhe und Einsamkeit der vergangenen Tage auch gar nicht mehr gewöhnt. Doch die Gruppen fuhren am Söldener „Skizirkus“ mit Bussen weiter und dann wurde es wieder ruhiger. Für uns war das alles ein ziemlicher Kulturschock. Aber so ist das ja manchmal, wenn es zurück ins Tal geht! 

Alternative: Man kann auch über Mittelberg absteigen, dann ist man wieder im Pitztal. 

Fehlt noch der Aufstieg von Längenfeld zur Hauerseehütte:

Zustieg 2026 zur Hauerseehütte von Längenfeld aus, 8 km, 1200 m ⬆️, 50 m ⬇️, 3:30 h

Wir parkten in der Nähe der Kirche in einer öffentlichen Parkbucht und liefen am Schwimmbad vorbei zum Ortstand ( bei öffentlicher Anreise Bushaltestelle „Kirche“), dort überquerten wir mit einer Brücke die Ötztaler Ache. Über einen steilen Hang, der nach einem Sturmschaden sehr unsolide war, gewannen wir schnell an Höhenmetern ( naja 🫤… schnell ist relativ: mir machten der späte Wanderstart nach der Anreise und schwüle Hitze sehr zu schaffen!). Als ein Gewitterregen startete, suchten wir Schutz in einem Lärchenwald. Nach dem Regen war es dann etwas kühler und im weiteren Aufstieg durch idyllische Schrofen trockneten wir wieder und leckere Heidelbeeren boten sich als Snack und Erfrischung an. Die Hauerseehütte kannten wir ja schon vom Vorjahr und es war ein bisschen wie nach Hause kommen, denn wieder hatten in dieser Augustwoche Julia und Annette Hüttendienst auf der bewarteten Selbstversorgerhütte und es gab ein sehr herzliches Wiedersehen. Das war so richtig schön!

Geigenkamm, für mich eine sehr beeindruckende Tour, aber auch sehr herausfordernd. Aber sich Herausforderungen zu stellen, da bin ich immer wieder für zu haben, bin mir aber durchaus auch der Gefahren bewusst, in die ich mich begebe … und regel dann alles „über die Atmung und das Tempo“ … und das ein oder andere Gebet gehört dann auch dazu!

Ein Dank an Wanderfreundin Christa, die mit mir dieses wilde Bergerlebnis durchgezogen hat! Wir sind ein super Team!

Die Tour demnächst auch auf Alpenvereinaktiv:

Hüttenimpressionen:

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